Beethovens Kupfer

Zum Abschluss des Europäischen Kulturerbejahres veranstaltete unser Verein ProBeethovenhalle in Kooperation mit der Alanus Hochschule am 22. Dezember 2018 die Matinée „Die Beethovenhalle Bonn als europäisches Kulturerbe“ in der Bonner Oper. Dort stellten Studierende der Alanus Hochschule Kunstobjekte aus, die sie aus dem originalen Kupferblech vom Dach der Beethovenhalle gefertigt haben. Einer von ihnen ist Martin Lunyszyn, der inzwischen 16 Exponate aus dem Kupfer geschaffen hat. Einige stellte er kürzlich im Kunstraum Neuss aus. Mit ihm sprachen Renate Hendricks und Carola Nathan.

Martin Lunyszyn neben seinem Beethoven-Portrait © Eunika Krakowiak

Können Sie uns sagen, was Sie berührt hat, als Sie das Material von Beethovens Dach, also von der Beethovenhalle, bearbeitet haben?

Weil die alten Kupferplatten der Bonner Beethovenhalle ein sehr besonderes Material für mich darstellen, hatte ich zunächst Berührungsängste bzw. die Befürchtung, die prägnanten Besonderheiten dieser historischen Platten nicht bewahren zu können, und zwar einerseits die Patina, die das Kupfer über die Jahrzehnte bekommen hat, andererseits auch all das, was es darüber hinaus aufgenommen hat.

Die ersten Wochen, als ich das Material in meinem Atelier liegen hatte, habe ich es nicht angerührt. Ich bin nicht direkt an das Material drangegangen, sondern wollte erst einmal überlegen, was ich daraus mache. Von Anfang an war mir jedoch klar, dass es mir besonders wichtig war, die originale Patina beizubehalten, weil sie ein bemerkenswertes Zeugnis der Zeit ist. Aufgrund der Ästhetik, die das Material inklusive seiner Oberfläche für mich ausstrahlt, habe ich überlegt, wie ich das zweidimensionale Kupfer in eine Dreidimensionalität überführen kann, ohne diese originale Patina zu verlieren. Schweißen war beispielsweise nicht möglich, da durch den Vorgang des Erhitzens die Patina verloren gehen würde. Ich musste also überlegen, wie ich zu einer entsprechenden raumeinnehmenden Form kommen kann.

© Martin Lunyszyn

Plötzlich war für mich klar, dass ich eine Violine abbilden möchte. Hierzu wurde ich in erster Linie inspiriert durch den Ursprungsort der Kupferplatten, einen Ort, der der Musik über viele Jahrzehnte einen Raum zur Ausfaltung und Wirkung gegeben hat. Das Dach der Bonner Beethovenhalle hatte somit die Gelegenheit, über Jahrzehnte hinweg die Schwingungen der dort geborenen Musik aufzunehmen und sollte diese nun auch durch eine Versinnbildlichung der Musik verkörpern.

Und da ich die Violine als ein sehr ästhetisches Instrument mit Symbolkraft wahrnehme, war die Wahl des besagten Motivs relativ schnell besiegelt. So wurde die gesamte Reihe „Beethovens Kupfer“ nicht nur eine Hommage an Beethoven und die Stadt Bonn, sondern auch an das Kunsthandwerk, explizit an den Geigenbau.

Das Kupfer vom Dach der Beethovenhalle ist — wie soeben beschrieben — ein sehr stark aufgeladenes Material für mich, das meine Herangehensweise und den Umgang mit ihm wesentlich beeinflusst hat. Deshalb habe ich eine eigene Technik entwickelt, wie ich die Objekte verklammere und zusammenfüge, damit sie dreidimensional werden, aber dennoch einen sehr stabilen und massiven Corpus ergeben.

Wir haben zwei Geigen während der Matinée in der Bonner Oper gesehen. Haben Sie die Herangehensweise weiterentwickelt?

Ja, jeder Corpus bzw. jedes Objekt, welches sich mit dem Thema Violine befasst, behandelt einen anderen Aspekt. Ich habe mich an das Material und an die daraus entstandenen Objekte jedes Mal individuell herangetastet. Gerade auch an jene Violine, die zuerst entstanden ist und auf einem Treibholzsockel steht.

Ich bin ein konzeptionell arbeitender Künstler und hatte die Absicht, dass die pure Ästhetik in die Form meiner Violinenobjekte gelangt und diese beseelt. Daher wollte ich nicht irgendeine beliebige Violine abbilden, sondern mich an der kunstfertigen Arbeit eines Großmeisters im Violinenbau orientieren und wählte hier Giuseppe Guarneri del Gesù, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebte. An seine Violinen habe ich mich herangetastet. Dies bedeutete für die erste Arbeit meiner Werkreihe — also für die „Guarneri I“ — zunächst lediglich die Form der Violine sowie die Technik zur Verbindung des Kupfers zu entdecken.

© Martin Lunyszyn

Dann kam ein zweites Exponat, „Guarneri Modus I“, bei dem ich die Arbeitsschritte sowie die Verbindungstechnik dem Betrachter offengelegt und zugleich den Corpus der Violine aufgebrochen habe. Danach hat sich meine Formensprache erneut weiterentwickelt: Beim Schaffensprozess des nächsten Objektes war ich auf der Suche nach der Auseinandersetzung mit dem Thema Bewegung, also bei der „Guarneri Modus II“. Hier habe ich versucht, die Bewegung nicht nur innerhalb des Exponates darzustellen, sondern auch die Bewegung des Betrachters durch den Raum zu forcieren und zwar in dem Moment, in welchem der Betrachter um die Violine herumgehen muss, um auf diesem Wege die Vielansichtigkeit der „Guarneri Modus II“ wahrzunehmen und folglich den Verlauf des Formwechsels nachvollziehen zu können. Schlussendlich behandelt jedes Objekt einen anderen Schwerpunkt oder eine andere Thematik, mit der ich mich jeweils auseinandergesetzt habe.

Welche Objekte haben Sie sonst noch gemacht?

Neben einem großen Porträt von Beethoven habe ich auch eines von Friedrich Schiller gemacht. Ich bin durch die berühmte „Ode an die Freude“ auf diese besondere Verbindung zwischen den beiden Zeitgenossen gekommen, auch wenn Schiller nicht mehr erleben konnte, dass Beethoven in seiner 9. Sinfonie Auszüge aus der Ode verarbeitet hat.

© Martin Lunyszyn

Ich habe mich außerdem mit dem Hörleiden Beethovens beschäftigt. Ich habe ein Ohr aus dem Kupfer getrieben. Das Material ist sehr dünn und lässt sich daher nicht besonders gut treiben, man verliert an gewissen Stellen Patina, und das Material scheint partiell von kleinen Rissen zersetzt zu werden. Diesen Zersetzungsprozess sowie die in den Vordergrund tretende Fragilität habe ich als Stilmittel bewusst eingesetzt, um den Prozess des fortschreitenden Gehörverlustes Beethovens zu visualisieren.

Wie viele Werke sind insgesamt aus dem Kupfer entstanden?

Wenn ich mich nicht irre, müssten insgesamt 16 Exponate entstanden sein.

Haben Sie alle in Neuss ausgestellt?

Nein, nicht alle. Ich musste mich nach der Größe und der Beschaffenheit der Ausstellungsfläche richten. Der Raum sollte mit den Werken harmonieren.

Wenn Sie zurückblicken auf dieses Projekt, das von der Alanus Hochschule auf den Weg gebracht wurde, was hat das nicht nur Ihnen, sondern auch ihren Mitstudierenden gegeben? Gab es einen Austausch unter Ihnen?

Es gab einen Austausch, aber eher am Anfang des Prozesses: Wer hat welche Erfahrungen mit dem Material gemacht, wie kann man mit dem Material arbeiten.

© Martin Lunyszyn

Die meisten meiner Kommilitonen und Kommilitoninnen haben nur ein Exponat aus dem Kupfer gemacht, manche vielleicht ein zweites. Ich wiederum habe mich die letzten zweieinhalb bis drei Jahre immer wieder diesem Projekt gewidmet. Zwar habe ich nicht ausschließlich mit dem Kupfer gearbeitet, sondern auch gänzlich andere Arbeiten entwickelt; nichtsdestotrotz habe ich nie ganz damit aufgehört. Ich habe mich immer wieder von dem Kupfer angezogen gefühlt. Ich habe nur dann mit dem Material weitergearbeitet, wenn ich das Gefühl hatte: Jetzt ist es wieder so weit, jetzt ist die Verbindung zu dem Material wieder da. Es ist häufig so, dass man sich erst wieder neu einarbeiten muss, wenn man einen Prozess beendet oder unterbricht. Das Schaffen von neuen Werken und die Auseinandersetzung mit neu zu erschließenden Problemstellungen geht bei mir nur mit einem guten Gefühl.

Sie haben von Anfang an in Ihrem Atelier gearbeitet. Haben Sie Ihr Atelier in Neuss, oder ist es an der Alanus Hochschule?

Mein Atelier ist in der Alanus Hochschule. Allerdings befinden sich die großen Werke nicht dort, diese lagere ich momentan in Neuss, also z. B. die raumgreifenden Portraits von Beethoven und Schiller. Im Atelier sind eher die Sachen, an denen ich noch arbeite.

Haben Sie bei den Exponaten ausschließlich mit dem Kupfer der Beethovenhalle gearbeitet? Wir haben gelesen, dass Sie auch Schellack verwendet haben.

© Martin Lunyszyn

Ich habe fast ausschließlich mit dem Kupfer gearbeitet. Allerdings gibt es ein Exponat, bei dem ich Treibholz als Sockel verwendet habe. Und bei den großen Portraits habe ich Schellack verwendet, um noch eine weitere Gestaltungsebene herauszuholen. Die originalen Kupferplatten, die ich im Verarbeitungsprozess zerschneide — und im Falle der großflächigen Konterfeis mit Hilfe von Kupferschrauben und -nieten wieder zusammenführe — bringen bereits zwei unterschiedliche Oberflächen mit sich, die ich in meinem Gestaltungsprozess entsprechend meiner Vorstellungen einbringen kann. So verwende ich nicht nur die Oberseite der Dachplatten, die von der grün-türkisen original Patina geprägt ist, sondern arbeite auch mit der Rückseite des Kupfers, die partiell typisch kupferfarben ist und darüber hinaus auch noch beträchtliche Reste des schwarzen Bitumens aufweist. Am Anfang habe ich das Bitumen entfernt, habe dann jedoch gedacht: Das kann ich nicht machen, das Bitumen ist ja auch ein Stück Zeitzeugnis! Schlussendlich habe ich erkannt, dass ich das Bitumen für meine Zwecke nutzen kann. Somit hatte ich nicht nur die grün-türkise Oberfläche, sondern auch die schwarz-kupferne Rückseite, die mir für meine Farbpalette zur Verfügung stand. Des Weiteren kam eine dritte Gestaltungsebene hinzu, die in Form der ausgeschnittenen Flächen und folglich der so entstandenen Durchbrüche zum Vorschein kommt, indem der Blick auf die weiße Wand im Hintergrund freigegeben wird.

Und um noch eine weitere Gestaltungsebene zu erschaffen, kam last but not least der Schellack hinzu. Der Schellack stellt in dem Kontext der Werkreihe eine optimale Ergänzung dar, vor allem, weil er den Kreis zu den Violinen wieder schließt, da Schellack im Geigenbau eingesetzt wird, um das Instrument zu veredeln und den Klang zu erweitern. Ich habe den Schellack benutzt, um die originale Patina abzudunkeln, sie aber nicht komplett unsichtbar zu machen. Mit Farbe wäre das etwas Anderes gewesen, weil ich die Patina dann übermalt hätte, sodass sie verloren gegangen wäre. In dem Moment, in dem ich Schellack benutze, ist das wie eine Lasur oder Politur, bei der die Patina weiter sichtbar bleibt, allerdings mit leicht verändertem Farbton.

Wie war die Reaktion in Neuss auf Ihre Ausstellung? Denn das Kupfer stammt ja nicht von einem dortigen Gebäude, sondern von der Beethovenhalle in Bonn.

© Martin Lunyszyn

Es gab eine sehr gute Resonanz. Es hatte im Vorfeld ein Beethovenkonzert der Deutschen Kammerakademie Neuss gegeben. Dort durfte ich mit einem Exponat auf die bevorstehende Ausstellung hinweisen, daher fanden auch einige Besucher des Konzertes den Weg in meine Ausstellung. Andere wurden durch die Flyer, die wir verschickt haben, aber auch durch Presseartikel auf die Ausstellung aufmerksam. Somit war der Zulauf sehr groß, und ich habe durchweg sehr gutes Feedback bekommen.

Kann man sagen, dass das Kupfer vom Dach der Beethovenhalle und die Musik Beethovens Sie in besonderer Weise zu Ihren Arbeiten inspiriert hat?

Definitiv. Ich war vorher klassischer Musik nicht abgeneigt, aber durch das Kupfer habe ich mich noch mehr mit klassischer Musik, vor allem mit der Musik Beethovens, beschäftigt. Sie hat mich auch bei den Porträts von Beethoven und Schiller stark beeinflusst. Das Konterfei von Schiller ist in weichen, runden Formen gestaltet. Beethoven habe ich wiederum geradlinig, mit Ecken und Kanten dargestellt, denn manche seiner Stücke sind für mich sehr markant und direkt in ihrer Erscheinung, andere — wie der Finalsatz der 9. Sinfonie — eher rund und fein. Kontrastiert wie die Interpretation unterschiedlicher Persönlichkeiten. Daher ähneln sich die Porträts zwar in der Machart, sind aber doch unterschiedlich in ihrer Aussage.

Um noch einmal auf die Musik Beethovens zurückzukommen: Sie hat mich sehr inspiriert, beeinflusst und auch geprägt. Es hat während des Schaffensprozesses eine ständige Interaktion mit dem Material und mit Beethoven gegeben.

Das finden wir eine ganz wunderbare Entwicklung, denn so hatten wir uns das vorgestellt, als wir das Kupfer Ihnen und den anderen Künstlern zur Verfügung gestellt haben. Daher freuen wir uns sehr über diese Entwicklung. Hätten Sie Interesse, Ihre Exponate auch in der Beethovenhalle zu zeigen, wenn die Sanierung abgeschlossen ist?

Sehr gerne. Es wäre für mich eine wunderbare Symbolik, wenn das alte Dach in Form der beiden Porträts von Beethoven und Schiller unter das neue Dach Einzug halten und auf diese Weise heimkehren würde. Eigentlich gehören die Stücke in die Beethovenhalle. Ich würde mir daher sehr wünschen, in der Beethovenhalle ausstellen zu dürfen. Und ich fände es toll, wenn die Sachen dort dauerhaft hängen könnten.

Die ersten Kupferbahnen werden auf dem Kuppeldach der Beethovenhalle aufgebracht.
© Städtisches Gebäudemanagement Bonn

Zurzeit werden die neuen Kupferbahnen auf dem Dach verlegt, aber sie zeigen noch keine Patina. Ob sich diese Patina, mit der Sie gearbeitet haben, wirklich je entwickeln wird, wissen wir nicht, weil z. B. die Luft viel sauberer geworden ist und die Oxydierung nicht mehr in diesem Maße stattfinden wird. Vielleicht ist daher das Kupfer, das Sie verarbeitet haben, einzigartig und wird auf der Beethovenhalle so nicht mehr zu sehen sein.

Wir könnten uns sehr gut vorstellen, dass Sie Ihre Exponate in der Beethovenhalle zeigen und werden uns dafür stark machen. Das muss aber die Stadt entscheiden. Wir werden das mit der Stadt besprechen.

Ich hoffe, dass die neue Patina auch wieder einen grünen Ton bekommen wird. Es werden viele Faktoren mitspielen, wie sich diese Patina entwickelt. Ich kenne Bauwerke, die vor Jahrzehnten ein Kupferdach bekommen haben, wo sich aber keine Patina entwickelt hat. Manchmal wird das Kupfer bläulich, manchmal bräunlich. Auch in diesem Sinne hat mich das Projekt mit dem Kupfer vom Dach der Bonner Beethovenhalle geprägt: Wenn ich in einer anderen Stadt bin, sehe ich die Kupferdächer mit ganz anderen Augen. Die Arbeit mit dem Kupfer der Beethovenhalle ist also nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Und ich würde wirklich gerne an einer Führung über die Baustelle teilnehmen, um zu sehen, wie sich die Bauarbeiten entwickelt haben.

Ganz herzlichen Dank für das Gespräch! Und wir hoffen, dass Sie weiterhin so viel Spaß haben, mit dem Kupfer zu arbeiten. Und dass es Sie in Ihrer eigenen Entwicklung so viel weiterbringt, wie Sie uns das gerade dargestellt haben.

Vielen Dank!

Flyer zur Ausstellung

Kunstraum Neuss
Deutsche Straße 2
41464 Neuss
Di-Fr 16 bis 18 Uhr
So 15 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung
ww.museum-kunstraum-neuss.de